
Unsere CEO Agnes Fritz war beim High-level Political Forum (HLPF) der Vereinten Nationen in New York dabei. In diesem Gastbeitrag berichtet sie von ihren Eindrücken, Begegnungen und Erkenntnissen und erklärt, warum es für Viva con Agua so wichtig ist, internationale Wasserpolitik aktiv mitzugestalten.
Mehr als eine Konferenz
Als ich nach einer intensiven Woche in New York ins Flugzeug stieg, hatte ich nicht einfach das Gefühl, an einer Konferenz teilgenommen zu haben. Ich hatte das Gefühl, einen Blick hinter die Kulissen internationaler Politik geworfen zu haben. Das High-level Political Forum (HLPF) der Vereinten Nationen ist das wichtigste jährliche Treffen zur Umsetzung der 17 Sustainable Development Goals (SDGs). Hier kommen Regierungen, UN-Organisationen, Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft zusammen, um Bilanz zu ziehen: Wo stehen wir bei den globalen Nachhaltigkeitszielen? Was funktioniert? Und welche politischen Entscheidungen braucht es jetzt?
Die Bilanz war in diesem Jahr bemerkenswert ehrlich. Laut den Vereinten Nationen sind aktuell nur rund 18% der SDG-Unterziele auf Kurs. Mehr als die Hälfte entwickelt sich zu langsam, viele Ziele bewegen sich sogar rückwärts. Trotzdem habe ich keine resignierte Stimmung erlebt. Im Gegenteil: Über allem stand der gemeinsame Wille, endlich konsequent ins Handeln zu kommen.
Vom Wissen zum Handeln
Ein Satz begegnete mir während der gesamten Woche immer wieder:
„The challenge is no longer knowledge. The challenge is implementation.“
Wir wissen heute weitgehend, was getan werden muss. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, Lösungen schneller umzusetzen, Finanzierung zu mobilisieren und erfolgreiche Ansätze wirksam zu skalieren. Entsprechend stand SDG 6 – Wasser und Sanitärversorgung – in diesem Jahr besonders im Fokus. Denn Wasser ist längst mehr als ein Umwelt- oder Entwicklungsthema. Es berührt Gesundheit, Ernährung, Energieversorgung, wirtschaftliche Entwicklung, Klimaanpassung, Resilienz sowie Frieden und Sicherheit. Wer heute über Wasser spricht, spricht über nahezu alle anderen Nachhaltigkeitsziele.
Viva con Agua bringt Perspektiven aus der Praxis
Genau deshalb war es so wichtig, dass Viva con Agua in diesem Jahr beim HLPF vertreten war.
Gemeinsam mit dem German WASH Network war Viva con Agua so sichtbar wie nie zuvor. Ich hatte das Gefühl, dass wir nicht mehr nur als Teilnehmende wahrgenommen wurden, sondern zunehmend als Organisation, die aktiv zur Gestaltung der internationalen Wasseragenda beiträgt.
Ein Schwerpunkt war der internationale Stakeholder-Prozess zur Vorbereitung der UN-Wasserkonferenz 2026. Gemeinsam mit Johannes Rück und Thilo Panzerbieter haben wir Arbeitsgespräche mit UN DESA, Ministerien, den Co-Chairs der sechs Dialoge sowie zahlreichen internationalen Organisationen begleitet. Unser gemeinsames Stakeholder-Event wurde von vielen Teilnehmenden als eines der interaktivsten Formate der Woche beschrieben und hat gezeigt, welchen Mehrwert eine enge Zusammenarbeit zwischen Regierungen, UN und Zivilgesellschaft schaffen kann.
Ein weiteres Highlight war das Leadership Breakfast, das wir gemeinsam mit der Siemens Stiftung organisiert haben. Das Format brachte Vertreter*innen aus Ministerien, UN, Wissenschaft, Stiftungen und internationalen Organisationen an einen Tisch. Im Mittelpunkt standen keine politischen Positionen, sondern persönliche Geschichten und die Frage, welche Bedeutung Wasser für jede und jeden Einzelnen hat. Gerade dadurch entstand eine außergewöhnlich offene Atmosphäre, in der neue Beziehungen und Vertrauen wachsen konnten.
An dieser Stelle möchte ich mich besonders bei Belinda Abraham bedanken. Sie hat das gesamte Konzept entwickelt, die Gästeliste aufgebaut und einen Großteil der Vorbereitung übernommen. Ohne ihren Einsatz wäre dieses Format nicht möglich gewesen.
Internationale Sichtbarkeit für Viva con Agua
Ein weiterer besonderer Moment war meine Einladung in die UN SDG Media Zone. Dort durfte ich gemeinsam mit Retno L. P. Marsudi, der ersten UN Special Envoy on Water, sowie Dr. Mohamed Diatta über Wasser als globales Zukunftsthema sprechen. Für mich war das weit mehr als ein persönlicher Höhepunkt.
Es war ein starkes Zeichen dafür, dass Viva con Agua heute international als kompetente Partnerorganisation wahrgenommen wird. Unsere Erfahrungen aus der Praxis finden zunehmend Gehör – und wir können Brücken zwischen Politik, Zivilgesellschaft und den Communities schlagen, in denen Veränderung tagtäglich stattfindet.
Partnerschaft statt Beteiligung
Mindestens genauso beeindruckt hat mich die Rolle der Zivilgesellschaft. Immer wieder wurde deutlich, dass internationale Politik die Erfahrungen aus der Praxis heute mehr denn je braucht. NGOs, Wissenschaft, Jugendvertretungen, indigene Gemeinschaften und lokale Initiativen bringen Perspektiven ein, die politische Prozesse mit der Lebensrealität der Menschen verbinden.
Ein Satz ist mir dabei besonders im Kopf geblieben:
„No participation. Partnership.“
Es geht nicht mehr darum, Menschen oder Organisationen lediglich zu beteiligen. Es geht darum, Verantwortung gemeinsam zu übernehmen und internationale Politik gemeinsam zu gestalten. Genau darin sehe ich auch eine große Chance für Viva con Agua. Unsere internationale Community und insbesondere unsere Partner*innen aus dem Globalen Süden sollten wir künftig noch stärker in diese Prozesse einbinden. Denn viele der innovativsten Lösungen entstehen bereits heute in den Communities – nicht in Konferenzräumen.
Mein Fazit
Ich komme aus New York mit dem Gefühl zurück, dass Viva con Agua international deutlich sichtbarer geworden ist. Unsere Netzwerke wachsen, unsere Expertise wird gehört und wir werden zunehmend als Partner wahrgenommen, der Brücken zwischen Politik, Zivilgesellschaft und Communities bauen kann.
Gleichzeitig wächst damit auch unsere Verantwortung. Ich wünsche mir, dass wir diese Chance nutzen: unsere internationale Community noch stärker einbinden, unsere Partner*innen aus dem Globalen Süden sichtbarer machen und gemeinsam die Vorbereitungen auf die UN-Wasserkonferenz 2026 weiter vorantreiben.
Vor allem aber nehme ich aus New York die Überzeugung mit, dass Viva con Agua genau dort einen Unterschied machen kann, wo internationale Politik den Kontakt zur Lebensrealität der Menschen braucht. Unsere Aufgabe ist es nicht nur, Teil dieser Prozesse zu sein, sondern sie mitzugestalten. Konstruktiv, partnerschaftlich und immer auch als kritische Stimme für diejenigen, die selbst viel zu selten am Verhandlungstisch sitzen.





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