
Drei Tage, unzählige Gespräche und Perspektiven aus der ganzen Welt: Unsere Kollegin und Institutional WASH Programs Managerin Belinda Abraham war gemeinsam mit Chris Wiebe und Arnd Boekhoff für Viva con Agua bei der World Water Week in Stockholm. Was bleibt nach drei Tagen Austausch mit Menschen aus der internationalen Wasser-Community? Für Belinda eine zentrale Erkenntnis: Gute Lösungen allein reichen nicht. Entscheidend ist, wie wir Wissen, Menschen und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden. Hier teilt sie ihre persönlichen Insights aus Stockholm.
Unsere WASH-Expertin Belinda Abraham erklärt: Was wir von der World Water Week in Stockholm mitnehmen
Mein erster Morgen bei der World Water Week begann ehrlich gesagt mit einem kleinen Fragezeichen. Ich schaute mich um und dachte: Wo sind eigentlich alle?
Von den Anden bis Sambia: Warum Austausch so wichtig ist
Doch dann füllten sich die Räume. Plötzlich traf ich Menschen aus den unterschiedlichsten Teilen der Welt – von den Anden bis nach Sambia, buchstäblich von A bis Z. Menschen, die in völlig unterschiedlichen Kontexten an Wasser- und Sanitärlösungen arbeiten: von kleinen Systemen in kalten Bergregionen bis hin zu großflächigen Wasserversorgungssystemen.
Was mich besonders beeindruckt hat: Viele Herausforderungen ähneln sich, auch wenn die Kontexte vollkommen unterschiedlich sind.
Eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus Stockholm ist deshalb: Viele Lösungen, nach denen wir suchen, existieren vielleicht längst. Jemand irgendwo auf der Welt hat möglicherweise bereits ausprobiert, getestet oder gelöst, woran wir gerade arbeiten.
Die Frage ist also: Wie schaffen wir es, besser darin zu werden, Wissen zu teilen, voneinander zu lernen und erfolgreiche Ansätze an neue Kontexte anzupassen?
Vom Commitment zur Umsetzung
Ein Thema zog sich für mich durch viele Gespräche: Wir müssen endlich stärker von Commitments in die Umsetzung kommen.
Die Bedarfe sind riesig, die Dringlichkeit ist real. Gleichzeitig verändern sich die Rahmenbedingungen. Mittel werden knapper, globale Prioritäten verschieben sich und Organisationen stehen zunehmend vor der Herausforderung, mit weniger Ressourcen möglichst viel Wirkung zu erzielen.
Das bedeutet für mich aber nicht nur, effizienter zu arbeiten. Es bedeutet auch, besser zusammenzuarbeiten.
Wir müssen vorhandenes Wissen besser nutzen, voneinander lernen und uns fragen, welche Ansätze bereits funktionieren – und wie wir sie gemeinsam weiterentwickeln können.
Technologie allein schafft noch keine Veränderung
Genau darum ging es auch in unserem Workshop „Rethinking Hygiene: From Households to Global Progress“, den wir gemeinsam mit der Hansgrohe Foundation gestaltet haben.
Wir haben einen Blick auf einen Bereich geworfen, der in der Diskussion über Wassereffizienz häufig übersehen wird: Baden und Duschen.
Dabei haben wir uns gefragt, wie Infrastruktur, Verhalten, Komfort, Erwartungen und unterschiedliche Lebensrealitäten beeinflussen, wie Menschen Wasser nutzen. Auf Grundlage von Forschung mit lokalen Partner*innen und Communities in Uganda und Kenia wurde dabei auch der hansgrohe Impact Portable Shower erstmals öffentlich vorgestellt.
Doch mein wichtigstes Learning aus dieser Session ging weit über Technologie hinaus:
Du kannst die beste Technologie, den ambitioniertesten Plan und die klügsten Ideen haben. Aber sie schaffen nur dann Wirkung, wenn Menschen Teil des Prozesses sind.
Community Engagement, politische Unterstützung und ein systemischer Ansatz sind für mich deshalb keine zusätzlichen Bausteine rund um die Umsetzung.
Sie sind Teil der Umsetzung.
„Fund the service, not just the infrastructure“
Wie wichtig dieser Gedanke in der Praxis ist, wurde auch in unserer Session gemeinsam mit unserem Partner BORDA deutlich.
Mein Kollege Chris Wiebe, der von BORDA eingeladen wurde, um über unser erfolgreich abgeschlossenes WASH'n'soul-Projekt in Sambia zu sprechen, brachte eine zentrale Erkenntnis auf den Punkt:
„Fund the service, not just the infrastructure.“
Denn Wasser- und Sanitärversorgung endet nicht mit dem Bau einer Anlage.
Wie Chris erklärt: Es handelt sich um langfristige öffentliche Dienstleistungen. Deshalb müssen wir nicht nur die Infrastruktur finanzieren, sondern auch die Menschen, die sie betreiben, das Wissen und die Kompetenzen, die dafür notwendig sind, die Wartung der Systeme und die Strukturen, die langfristige Verantwortung ermöglichen.
Gerade in der Session „Beyond Sewers: DeWATS for Schools and Hospitals in Climate-Stressed Contexts“ wurde deutlich, wie entscheidend diese Perspektive ist. Gemeinsam wurden neben unserem Projekt in Sambia auch Beispiele dezentraler Abwasserbehandlungssysteme – kurz DEWATS – aus Kambodscha und Tadschikistan vorgestellt.
Und obwohl die Session online stattfand und bei einer großen Konferenz wie der World Water Week durchaus Gefahr besteht, im umfangreichen Programm unterzugehen, waren am Morgen fast 50 Interessierte dabei.
Ein Zeichen dafür, dass die Frage, wie nachhaltige Wasser- und Sanitärversorgung langfristig funktionieren kann, viele Menschen beschäftigt.
Wenn WASH dazu beiträgt, dass Mädchen in der Schule bleiben
Auf die größten Erfolge des WASH'n'soul-Projekts angesprochen, fiel Chris eine ganze Reihe von Beispielen ein.
Eines ist ihm jedoch besonders im Gedächtnis geblieben: Die Schulabwesenheit von Mädchen ist deutlich zurückgegangen.
Für mich zeigt dieses Beispiel sehr deutlich, worum es bei nachhaltiger WASH-Arbeit geht. Es geht nicht nur um Infrastruktur. Es geht um Bildung. Um Teilhabe. Um Gesundheit. Um Selbstbestimmung. Und auch darum, wie Menschen Veränderungen in ihrem Alltag erleben und mitgestalten können.
In unserem WASH'n'soul-Projekt spielte dabei auch unser Viva-con-Agua-Ansatz der Universal Languages for Changeeine wichtige Rolle. Durch Musik, Kunst und Sport können positive Emotionen, soziale Normen und Selbstwirksamkeit gestärkt werden.
Das ist für mich ein gutes Beispiel dafür, wie sogenannte Hardware und Software zusammenkommen müssen, wenn Veränderung langfristig funktionieren soll.
Chris hat dafür ein Bild mitgebracht, das besser kaum passen könnte: Auf der Oberfläche eines DEWATS auf dem Gelände einer Partnerschule in Lusaka befindet sich ein Basketballplatz.
Für ihn symbolisiert dieser Ort die perfekte Verbindung von Infrastruktur und gesellschaftlichem Engagement.
Oder anders gesagt: Hardware und Software gehören zusammen.
Wer sitzt eigentlich mit am Tisch?
Ein weiteres Thema, das mich am letzten Tag besonders beschäftigt hat, war Stakeholder Engagement.
Im Stakeholder-Engagement-Prozess des German WASH Network kamen Vertreter*innen unterschiedlicher Gruppen zusammen, um darüber zu diskutieren, wie vielfältige Stimmen gehört und eingebunden werden können.
Denn wenn wir Lösungen entwickeln wollen, die für alle funktionieren, müssen auch möglichst viele Perspektiven Teil des Gesprächs sein.
Das gilt insbesondere mit Blick auf die Entwicklung von Verpflichtungen, globalen Programmen und Initiativen rund um das UN-Jahr für Wasser und auf dem Weg zu SDG 6 bis 2030 – und darüber hinaus.
Für mich ist das eine zentrale Frage: Wer wird gehört – und wer nicht?
Denn nachhaltige Lösungen entstehen nicht dadurch, dass einige wenige über andere entscheiden.
Sie entstehen durch Austausch, Beteiligung und die Bereitschaft, unterschiedliche Perspektiven wirklich einzubeziehen.
Fortschritt braucht gute Daten
Um sinnvolle Verpflichtungen einzugehen und Fortschritt richtig einschätzen zu können, brauchen wir aber noch etwas anderes: verlässliche Daten und Informationen.
Deshalb war für mich auch die Session des WHO/UNICEF Joint Monitoring Programme zu weiterentwickelten Monitoring-Indikatoren für Schulen besonders spannend.
Die Botschaft war klar: Es gibt Fortschritte.
Aber sie reichen nicht aus.
Und einige der bisherigen Indikatoren zeigen uns noch nicht ausreichend, ob Fortschritte langfristig bestehen bleiben – oder ob sie tatsächlich alle Menschen erreichen.
Wenn wir bis 2030 und darüber hinaus echte Fortschritte erzielen wollen, müssen wir also nicht nur besser handeln.
Wir müssen auch besser verstehen, wo wir wirklich stehen.
Warum Verbindung Veränderung möglich macht
Je mehr unterschiedliche Sessions ich in Stockholm besucht habe, desto stärker wurde für mich eine gemeinsame Verbindung sichtbar.
Technologie
Daten
Community Engagement
Politische Verpflichtungen
Infrastruktur
Capacity Building
Auf den ersten Blick unterschiedliche Themen. Aber für mich führen sie alle zu einer gemeinsamen Erkenntnis:
Veränderung braucht Verbindung.
Manchmal müssen wir komplexe Herausforderungen so kommunizieren, dass Menschen einen persönlichen Zugang dazu finden. Dass sie verstehen, warum ein Thema wichtig ist – und erkennen, dass sie selbst Teil der Veränderung sein können.
Genau hier sehe ich auch eine besondere Stärke von Viva con Agua.
Seit fast zwei Jahrzehnten nutzen wir universelle Sprachen wie Musik, Kunst und Sport, um Menschen mit dem Thema Wasser zu verbinden.
Ja, dabei haben wir Spaß. Aber es geht um viel mehr. Verbindung kann die Grundlage für Engagement schaffen. Und Engagement kann wiederum die gesellschaftliche und politische Unterstützung schaffen, die wir für langfristige Veränderungen brauchen. Am Stand der deutschen Partner*innen wurde das dann auch ganz praktisch: Nach den Sessions ging es mit „Pass the Water“ an den Ball.
One ball. One goal. One team for water.
Ein spielerischer Moment, aber mit einer Botschaft, die für mich die gesamte Woche gut zusammenfasst:
Wir kommen weiter, wenn wir zusammenarbeiten.
Mein Fazit aus Stockholm
Nach drei Tagen World Water Week nehme ich vor allem eines mit:
Wir brauchen nicht immer zuerst eine neue Idee. Oft müssen wir besser darin werden, vorhandene Ideen miteinander zu teilen, voneinander zu lernen und sie gemeinsam umzusetzen. Dafür braucht es Technologie und Infrastruktur. Aber genauso braucht es Capacity Building, langfristige Finanzierung, Wartung und Verantwortlichkeit. Es braucht verlässliche Daten. Es braucht politische Unterstützung.
Und vor allem braucht es die Menschen und Communities, um die es am Ende geht.
Wenn ich die Woche in einem Gedanken zusammenfassen müsste, dann wäre es dieser:
Wenn wir Veränderung schaffen wollen, müssen wir uns verbinden. Wenn wir uns verbinden, können wir Menschen einbinden. Und wenn Menschen eingebunden sind, wird Veränderung möglich.
Genau deshalb war Viva con Agua in Stockholm: um zuzuhören, Erfahrungen zu teilen, voneinander zu lernen und unsere eigene Perspektive einzubringen.
Denn egal, ob es um globale Verpflichtungen, bessere Daten, neue Technologien, dezentrale Sanitärversorgung oder einen Basketballplatz auf einem DEWATS geht:
Wir kommen weiter, wenn wir zusammenarbeiten.
We’re all in for water.







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